Mit einem etwas arg polierten Imagevideo wurde Ende Februar 2018 der Abschluss des Modellprojekts „Digitale Einkaufsstadt Bayern“ kommuniziert. 2015 wurde es auf bayerischer Landesebene ins Leben gerufen und „erfolgreich“ sei es verlaufen, wie der Fördergeldgeber, das Wirtschaftsministerium des Freistaats, betont. Derweil bewegt sich im Hintergrund der Digitalisierungsoffensiven für Stadt und Land im Süden Deutschlands einiges an der Beraterfront.  

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Was „erfolgreich“ im Kern bedeutet, darauf kann man sich mit einem Studium des Abschlussberichts des Modellprojekts einlassen. Er wird als PDF-Download zur Verfügung gestellt. Die darin formulierten „zentralen Erkenntnisse“ (S. 22 ff.) unterscheiden sich nicht wesentlich von den schon im Rahmen der „Online City Wuppertal“ (2013–2016 Pilotprojekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik) und umfänglichst im Buch „Local Commerce“ formulierten Herausforderungen und Einblicken. Das ist auch kein Wunder, schließlich setzen zwei der drei Modellstädte auf ein vertriebsorientiertes Online-Sichtbarkeitsmodell auf Basis eines lokalen Online-Marktplatzes. Infrastrukturgeber ist in beiden Fällen die Atalanda GmbH, die bereits in Wuppertal Projektpartner war.

Messbarkeit ausgeblendet – leider

Mit einer zentralen Schlussfolgerung aber kann ich mich beim besten Willen nicht anfreunden:

„Ein Problem, das nur bedingt gelöst werden kann, ist die mangelhafte Erfolgsmessung. Zum einen fehlt es an konkreten Maß- und Vergleichseinheiten. Zum anderen ist eine valide Messung schwer zu gewährleisten. Dieser Mangel erschwert die Gewinnung von Geldgebern und Teilnehmern und sollte mit möglichst vielen persönlichen Erfolgsgeschichten ausgeglichen werden.“ (Abschlussbericht, S. 25)

Zunächst einmal darf man von einem derart aufgehängten Förderprojekt erwarten, auch für die Eruierung von Kennzahlen in digitalen City-Initiativen eine Vorlage zu liefern. Die beteiligten Beratungsunternehmen sollten jedenfalls die Kompetenz dazu besitzen. Zum anderen stimmt der Sachverhalt meiner Erfahrung nach nicht: Die Kommunikation von Leistungskennzahlen ist das Problem, nicht deren Erhebung. Alles, was digital stattfindet, ist auch digital messbar (siehe hierzu insbesondere Kap. 5.8 und 6.4 im Buch „Local Commerce“). Eine Ausnahme stellen allenfalls (noch) die ROPO-Effekte dar, zu deren Messbarkeitsproblematik auch hier bereits hingewiesen wurde.

Die Videoportraits der geförderten Digital-Initiativen ergänzen nun immerhin zeitgemäß die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema. Sie sind im YouTube-Channel des Freistaats abrufbar. Details zu den Projekten finden Sie in den Datenbankeinträgen der cima.digital:

Die mediale Reichweite der Presseabteilung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums um Ilse Aigner und nicht zuletzt die Lust der CIMA Beratung + Management GmbH auf Digitalisierungsthemen im kommunalberaterischen Umfeld dürfte dem bisweilen sehr stiefmütterlich behandelten Thema „Digitale Transformation in Stadt, Region und Handel“ nachhaltig neuen Auftrieb verleihen. Das Staatsministerium erweiterte unlängst sogar sein Förderprogramm „Digitales Dorf“ für regionale Initiativen um die Ausschreibung für das Projekt „Digitales Alpendorf“. Mit dem Förderprogramm für mittelständische Betriebe Digitalbonus nimmt Bayern ohnehin eine Hauptrolle in den gegenwärtigen Förderkulissen für mehr IT-Kompetenz in der lokalen Wirtschaft ein.

Kampf um Digital-Hoheit in der Kommunalberater-Szene

Man darf hoffen, dass der Abschlussbericht nicht in den Schubladen des Ministeriums verschwindet. Sonst werden sich die von Wirtschaftsministerin Ilse Aigner beschworenen Nachahmer nämlich wenig um Orientierung für die digitale Zukunft von Gewerbestandorten und Innenstädte bemühen.

Die Cleverness der CIMA, sich in einem einträglichen Netzwerk aus Politik, Forschung und Verbänden als Kommunalberater zu positionieren, tut dem jedenfalls keinen Abbruch. Schließlich war es maßgeblich die mittlerweile gut 100 Mitarbeiter starke CIMA, die in ihrer bald 30-jährigen Unternehmensgeschichte dafür sorgte, dass wir in Deutschland überhaupt über modernes Citymanagement reden und Kompetenzen und Werkzeuge dafür aufbauen.

Während der nördliche CIMA-Counterpart „Stadt + Handel“ in analoger Nostalgie schwelgt und über dessen Geschäftsführer Ralf M. Beckmann als Co-Initiator des am 10. April 2018 stattfindenden Bundeskongresses „Offline-Strategien für die Innenstadt der Zukunft“ in Bochum agiert, bringt sich derweil im Rheinischen ein neuer Player in der Kommunalberaterbranche in Stellung: VITAIL. Auch dieses Joint Venture aus der gmvteam GmbH bzw. der „Future City Langenfeld“ und dem Institut für Handelsforschung (IFH Köln) will etwas vom digitalen Kuchen der Innenstadtentwicklung. Es ist jedenfalls nicht das einzigste Beraternetzwerk, dessen Leistungen künftig aufgrund des politischen Handlungsdrucks in Sachen Digitalisierung gefragt sein könnten.