Die Nahversorgung insbesondere im ländlichen Raum ist ein Thema, das viele Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen stellt. In Thüringen werden deshalb neue Dorfläden gebaut und mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet. Diese sogenannte 24-Stunden-Läden sollen der Bevölkerung ermöglichen, 24 Stunden und das an sieben Tagen der Woche ihre Einkäufe zu erledigen. Doch wie funktionieren diese neuartigen Dorfläden? Und bieten sie tatsächlich die Lösung für die Nahversorgung vor Ort?

Förderrichtlinie 24-Stunden-Dorfläden

Mit der Richtlinie zur Förderung der Etablierung von Tag-und-Nacht- bzw. 24-Stunden-Dorfläden hat das Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum (TLLLR) das Ziel, „gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Landesteilen zu sichern und die ländlich geprägten Räume Thüringens als eigenständige Lebens- und Wirtschaftsräume zu stärken“ (Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum o.J.) Mit den geförderten Dorfläden soll die wohnortnahe Nahversorgung gesichert werden. Die ursprünglich bis Dezember 2021 geplante Förderfrist wurde bis Mai 2022 verlängert. 

Ein solcher Dorfladen kostet zwischen 450.000 und 500.000 Euro. Bis zu 200.000 Euro werden dabei durch die Förderung abgedeckt, den Rest tragen die Verantwortlichen vor Ort. Bei den Läden handelt es sich nicht zwingend um komplette Neubauten. Viele von ihnen werden mithilfe digitaler Techniken lediglich aufgerüstet (MDR Thüringen 2021)

Im Rahmen der Förderrichtlinie entstehen thüringenweit 16 neue Dorfläden. Diese gehören den Gemeinden und Vereinen vor Ort und wurden für die nächsten 20 Jahre an die Emmas Tag- und Nachtmarkt GmbH verpachtet, welche sich um den Betrieb kümmert (Götze 2021). 

 

Vorbild: 24-Stunden-Markt in Altengottern

Der 24-Stunden-Dorfladen in Altengottern (© MDR THÜRINGEN/Claudia Götze)
Der 24-Stunden-Dorfladen in Altengottern (© MDR THÜRINGEN/Claudia Götze)

Nach acht Jahren Planungs- und Entwicklungsphase eröffnete im Februar 2020 der erste 24-Stunden-Dorfladen seine Pforten. Im thüringischen Dorf Altengottern erhalten Kunden nach vorheriger Registrierung eine Chipkarte und einen PIN. Mit dieser erhalten sie 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche kostenlos Einlass in das rund 100m² große Geschäft (Fenske 2021).

Neben Lebensmitteln erhalten die Kund*innen auch Drogerieartikel sowie Obst und Gemüse. Darüber hinaus gibt es Backwaren und Fleisch- und Wurstwaren. Insgesamt fasst das Portfolio des 24-Stunden-Marktes in Altengottern rund 1.800 Artikel. Vorrätig sind davon meist rund 1.200 Stück (Schunk 2020). Die Preise unterscheiden sich dabei nicht wesentlich von herkömmlichen Supermarktpreisen (Fenske 2021).

Hat ein Kunde die Waren seines Einkaufs beisammen, geht er an ein Terminal. Dort scannt er selbstständig die Ware und bezahlt anschließend bargeldlos mit Karte. Mithilfe integrierter RFID-Chips in den Produkten erhält das Überwachungssystem den Überblick, ob die Ware bezahlt wurde und, ob gegebenenfalls etwas nachbestellt werden muss. Insgesamt beheimatet der Tante-Emma-Laden der Zukunft rund 40 Kameras (Tagesschau 2022).  

Eine digitale Infotafel ergänzt den Service. Diese informiert über aktuelle Bekanntmachungen der Gemeinde sowie Angebote der lokalen Gewerbetreibenden. Auch ein WLAN-Hotspot sowie eine Packstation zum Versenden und Empfangen von Paketen ist vorhanden. Darüber hinaus gibt es auf dem Platz vor dem eigentlichen Laden eine Ladestation für E-Autos. Für einen Mitgliedsbeitrag von 15 Euro im Monat können Kunden das ebenfalls vorhandene Elektroauto nutzen (Fenske 2021). 

Tante-Emma-Laden ohne Tante?

Häufig wird den neuartigen Dorfläden auch mit sehr viel Skepsis begegnet. Anwohner fürchten den Abbau von Arbeitsplätzen und das, weil sich insbesondere große Supermarktketten für das Geschäftsmodell interessieren, um Personal vor Ort in den Supermärkten einzusparen. Dabei geht es den Entwicklern und Gründern der Emmas Tag- und Nachtmarkt GmbH nicht darum, Arbeitsplätze durch KI und Automation abzuschaffen, sondern bestehende zu erhalten und neue zu schaffen.

In Altengottern beispielsweise stammen die Fleisch- und Wurstwaren von der lokalen Metzgerei. Und auch die Backwaren werden täglich frisch vom örtlichen Bäcker geliefert. Dieser hat Zugriff auf das Kamerasystem und kann sehen, wenn die Brötchen zu neige gehen und er eine entsprechende Nachlieferung veranlassen muss (Fenske 2021). Darüber hinaus stammt der Honig vom ortsansässigen Imker. Den Rest der Produkte liefert der Großhandel und vor Ort kümmert sich eine Standortverantwortliche auf Minijob-Basis um den Laden (Schunk 2020)

Inzwischen haben sich nahezu alle 1.200 Dorfbewohner*innen Altengotterns registriert (Tagesschau 2022). Damit zeigt das Beispiel, wie man neue, digitale Technologien erfolgreich mit Nahversorgung in Einklang bringen und dabei gleichzeitig auch lokale Unternehmen unterstützen kann.