Die „Zukunft der Innenstädte“ ist zweifelsohne ein Politikum. Die Verödung des Stadtkerns hat zwar durch die Corona-Pandemie eine neue Dynamik erlangt, ist aber ein seit Jahren präsentes Thema. Der offensichtlichste Verlierer dieser Entwicklung ist der stationäre Handel. Darüber hinaus verliert der Stadtkern als Ort des öffentlichen Lebens an Bedeutung, mitunter sogar seine identitätsstiftende Funktion für die Bevölkerung vor Ort. Gibt es also eine Zukunft nach Insolvenzen, Ladenschließungen und coronabedingtem Bröckeln des lokalen Gastronomieangebotes? Das Positionspapier „Maßnahmen zur Digitalisierung der Innenstädte“ des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V., kurz Bitkom, liefert zumindest gewichtige Teilantworten.

Wandel ist die Zeit der Positionspapiere. Schon im September vergangenen Jahres haben sich die „Innenstadt“-Verbände Bundesstiftung Baukultur, der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung, der Handelsverband Deutschland (HDE) und urbanicom mit sechs Thesen (PDF-Download) an die interessierte Öffentlichkeit und Politik gewand, um dem vermeintlichen „Niedergang“ der Städte Einhalt zu gebieten. Digitalisierung ist in den Forderungen kein Nischenthema mehr. Nun hat auch der Branchenverband der Digitalwirtschaft bitkom sich zu Wort gemeldet und bekräftigt mit weiteren konkreten Maßnahmenvorschlägen einmal mehr, was innovatives Citymanagement und vorwärtsgewandtes Stadtmarketing schon seit Jahren umtreibt: Die Digitalisierung als Chance für eine attraktive Innenstadt von morgen zu betrachten.

Ohne Nachfrage kein Angebot?

Glaubt man den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage der Bitkom-Research, dann ist der stationäre Handel nachwievor ein wichtiger Anker im Konsumbewusstsein der Verbraucher. 69 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Internetnutzer*innen bangen nämlich um die wirtschaftliche Existenz der Einzelhändler in ihrer Region. Darüber hinaus gaben 57 Prozent der Teilnehmer an, bewusst bei lokalen und regionalen Händlern einzukaufen. Den Zahlen nach zu urteilen, ist also sowohl der Wille als auch die Bereitschaft stationär einzukaufen bei der Bevölkerung grundsätzlich vorhanden. Darüber hinaus ist schon seit Jahren zu beobachten, dass einstige Internet-Pure-Player aus dem reinen E-Commerce Gefallen an der stationären Präsenz finden. Doch warum werden wir das Gefühl nicht los, dass nicht wenige Innenstädte auch vor der Pandemie trostlos und verödet daherkamen?

Neue Mobilität als Schlüssel für Veränderung und Aufenthaltsqualität

Städte und vor allem deren Zentren müssen im Zeitalter der Digitalisierung und angesichts pandemischer Herausforderungen zweifelsohne neu gedacht werden. Multifunktionalität und Innovationskraft ist gefragt. Nur so gelingt Veränderung und Anpassung.

Hierbei wurde in jüngster Zeit vor allem der Service- und Erlebnisgedanke, neudeutsch: Convenience und Experience, in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt: Buchhandlungen laden Kunden auf einen Kaffee und zum Verweilen ein, Bekleidungsgeschäfte richten Events aus und der Supermarkt ums Eck liefert die Bestellung noch am selben Tag nach Hause.

Darüber hinaus soll die Stadt mit ihren öffentlichen Plätzen wieder der „place to be“ werden. Dies soll mithilfe digitaler Angebote, wie beispielweise öffentliches WLAN und kostenlosen Ladestationen für Smartphones gelingen. 

Des Weiteren bieten neue (modulare) Mobilitätskonzepte entlang unterschiedlichster Sharing-Modelle und sog. Hailing-Angebote wie Uber eine ökologischere, kostengünstigere und kundenfreundlichere Alternative zu den bisherigen innerstädtischen Beförderungsmethoden. 

Handel: Online und offline zusammendenken

Um seine Reichweite zu vergrößern, wird der stationäre Händler in Zukunft nicht umhin kommen, digitale Vertiebskanäle zu erschließen. Der Einstieg kann hier vor allem durch Online-Plattformen – nationale wie lokale – oder entsprechende Social-Media-Kanäle, wie Facebook, Instagram & Co. gelingen.

Durch Check & Reserve, Click & Collect, neue Liefermethoden sowie die Bereitstellung von Produktinformationen und neueren Methoden der Kundenbindung gelingt es, die Vorteile des Offline-Handels mit jenen des Online-Handels zu verknüpfen.

Auch Stadtgutscheinssysteme, Bonuskarten und andere Kundenbindungswerkzeuge können maßgeblich zur Stabilisierung des Gewerbes durch lokale Kaufkraftbindung beitragen (siehe hier auch die cima.digital-Wissensdatenbank zu Local-Loyalty-Initiativen).

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Der größte Vorteil des Online-Handels ist die schier unendliche Warenverfügbarkeit und das einfache, stressfreie Einkaufen auf der Couch. Durch neue Logistikkonzepte und eine zunehmende Vernetzung der Händler und Dienstleister vor Ort sowie digitalen Services wie Informationen zu Staus und Parkplätzen in Echtzeit kann die Stadt als Kultur- und Erlebnisraum wieder attraktiv gestaltet werden.

Und wer kümmert sich um das Ganze?

Die vielfältigen Herausforderungen machen den Einbezug aller Akteure einer Stadt notwendig. Auch das ist sicher keine neue Erkenntnis, sie sollte aber mit Nachdruck in den Diskurs eingebracht und tatsächlich umgesetzt werden. Umfassendes Ziel ist es daher, einen zentralen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der über klare (auch digitale) Kompetenzen sowie ein eigenes Budget verfügt und im direkten Austausch mit allen Beteiligten steht. Als Moderator des Wandels kann sie oder er den kreativen Aufstand gegen Innenstadtverödung zum Erfolg führen.


Quelle: Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e.V.) (2020): Positionspapier – Maßnahmen zur Digitalisierung der Innenstädte.